Genderfreie Zone? Die Kategorie Gender in den Refugee Studies.

Diese Auseinandersetzung mit der Kategorie Gender in den Refugee Studies ist im Rahmen des Vorlesungsseminars “Anthropologische Ansätze in den Refugee Studies – Theorien, Methoden und Politiken” am Institut für Kultur- und Sozialanthropologie im August 2017 entstanden.

Titelbild: Dokumentarfilm “What The Wind Took Away”

 

GENDERFREIE ZONE ?
DIE KATEGORIE GENDER IN DEN REFUGEE
STUDIES

von Alexandra Mittermüller

 

INHALTSVERZEICHNIS

1. Einleitung
2. Genderaspekt in den Refugee Studies
 2.1. Entwicklung der Kategorie Gender
 2.2 Geschlechtsspezifische Verfolgung
3. Conclusio
4. Bibliographie

 

1. Einleitung

Trotz der Tatsache, dass Gender die menschliche Existenz in allen Lebensphasen beeinflusst, wurde diesem Aspekt in den Sozialwissenschaften wenig Beachtung geschenkt. So geschah und geschieht dies nach wie vor auch in den Refugee-Studies.
Obwohl sich auch die wissenschaftliche Welt genderspezifischen Problemstellungen bewusster wird, ist das Einbeziehen der Kategorie Gender bei der Beantwortung von diesen über Flucht noch immer eher die Ausnahme. (vgl. Mahler / Pessar 2006: 27-30)

Diese Arbeit, die im Rahmen des Seminars „Anthropologische Ansätze in den Refugee Studies: Theorien, Methoden und Politiken“ entstand, versucht sich folgenden Fragestellungen zu widmen:

• Wie hat sich die Genderkategorie in den Refugee Studies entwickelt?
• Was definiert eine Flucht aufgrund von Geschlechtszugehörigkeit?
• Was sind frauenspezifische Erlebnisse und Fluchtgründe und wie kann man diese sichtbar machen?

Der Fokus wird hierbei auf Frauen gelegt, da diesen bist heute unzureichend Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Dabei sollen Fluchterfahrungen von Männern* nicht kleingeredet werden.

 

2. Genderkategorie in den Refugee Studies

Wie viele Individuen sich derzeit exakt weltweit auf der Flucht befinden, kann unmöglich genau benannt werden. Laut Schätzungen der United Nations High Commissioner for Refugees (UNHCR) befinden sich derzeit global 21,3 Millionen Menschen auf der Flucht. (vgl. UNHCR, Juli 2017)
Indessen sollte bedacht werden, dass diese Zahl lediglich jene Menschen umfasst, die als anerkannte Flüchtlinge gelten, denn Binnenflüchtlinge werden in dieser Zahl nicht inkludiert. Laut internationalem Recht gelten Menschen erst beim Übertreten der Grenze ihres Heimatlandes offiziell als legitime Flüchtlinge. Die traditionelle Definition eines Geflüchteten sollte daher auch allgemein in Frage gestellt werden. (vgl. Schöttes / Schuckar 1994: 9-10)

Zahlen spiegeln das Phänomen von Flucht aber nur unzureichend wider, da hinter ihnen menschliche Schicksale stecken, die auch (und) wesentlich von Gender beeinflusst werden. Faktum ist, dass der Großteil von geflüchteten Menschen Frauen und Mädchen sind und ihre Fluchterfahrungen sich während der Flucht und in Flüchtlingscamps wesentlich von denen der Männer abheben. Doch trotz dieser Gewissheit lassen sich im Allgemeinen in den Refugee Studies beziehungsweise in den Sozialwissenschaften wenige Schriften dazu finden. (vgl. Schöttes / Schuckar 1994: 7-8)

Es ist leicht, auf den determinierenden Faktor „Gender“ zu vergessen, weil er oftmals natürlich operiert. Doch sollte nicht außer Acht gelassen werden, dass die kulturspezifische Sozialisierung eine große Rolle spielt und menschliches Verhalten keineswegs natürlich ist. (vgl. Mahler / Pessar 2006: 28-29)

 

2.1. Entwicklung der Kategorie Gender

Die Anthropologinnen Martina Schöttes und Monika Schuckar kritisieren in ihrem Buch „Frauen auf der Flucht“, dass die meisten AutorInnen in den Sozialwissenschaften in ihren Werken entweder geschlechtsneutral argumentieren oder geschlechtsspezifische Fluchtgründe ausblenden oder diese nicht anerkennen. (vgl. Schöttes / Schuckar 1994:11)

Denn: Wenn Genderfragen nicht ausreichend thematisiert werden, werden Hintergründe zu Flucht verschleiert beziehungsweise können sie nicht richtig verstanden werden, da sie wesentlich sind, um Fluchterfahrungen ganzheitlich erfassen zu können. (ebenda: 11-13)
Tatsächlich wurde über einen langen Zeitraum hinweg der Genderaspekt wenig beachtet und/oder alleinig mit dem Frauenbegriff beziehungsweise mit sogenannten Frauenaktivitäten verknüpft oder gar gleichgestellt.

Da diese Annahme in der Wissenschaft lange vorherrschte, entstanden in der Literatur sogenannte „Gender Ghettos“, d.h. entweder wird nur explizit auf konventionelle „Frauenthemen“ eingegangen (die sich oftmals in der privaten Sphäre abspielen) oder aber Gender findet schlichtweg keine Erwähnung. Dies zeigt sich auch in Auslagerungen von sogenannten Sondersitzungen, die in vielen Fällen am letzten Tag von Konferenzen stattfinden. Im Rahmen dieser Sitzungen werden Genderthemen abgegrenzt und marginalisiert behandelt, wie zum Beispiel Gender und Arbeitslosigkeit.
Wenn aber nun Gender ausgelagert wird, so wird die Gegebenheit verschleiert, dass auch oft behandelnden Problembereiche davon determiniert werden. Trotzdem meint die Anthropologin Doreen Indra, dass es besser sei „Gender Ghettos“ zu haben als überhaupt nicht über Gender zu sprechen. (vgl. Mahler / Pessar 2006:28-30) (vgl. Indra 1999: 4-5) (vgl. Schöttes/ Schuckar 1994: 11)

Die Bildung von universalen Kategorien, bei denen der Mann dem öffentlichen Bereich und gleichzeitig die Frau zum privaten häuslichen Bereich zugeordnet wird, haben die Frauenforschung und die Theorienbildung lange beeinflusst. Dabei wird die Frau der Natur, der Mann hingegen der Kultur zugeordnet. Durch die Universalisierung wird jedoch die Relevanz von Gender verschwiegen. (vgl. Indra 1999: 4-6) Im Mittelpunkt stand, die „Frau“ generell in der Forschung sichtbar zu machen. Laut Indra ist jedoch nicht das Sichtbarmachen der Frau das Wesentliche, sondern wie Frauen in Beiträgen dargestellt wurden und werden. (ebenda)

Dennoch sollte darauf verzichtete werden, sich auf eine einzige Kategorie der „Frau“
festzulegen. Denn zum einen besteht die Gefahr, sich von vorangenommenen
Gleichheiten bei Forschungen einnehmen zu lassen und sich nicht auf forschungsunterstützte Ergebnisse zu fokussieren. (vgl. Schöttes/ Schuckar 1994: )
Zum anderen dürfen Differenzen innerhalb eines Geschlechts nicht außer Acht gelassen werden, die Unterschiede, die sich in sozialer Klasse, Ethnizität, und Machtverhältnissen zeigen. Die Nichtbeachtung würde zu einer Verschleierung der Differenzen führen.
Denn es macht in der Tat einen Unterschied, ob ich mich beispielsweise als weiße Frau, die der Mittelschicht angehört, oder als schwarze Frau auf der Flucht befinde. Dem hingegen war die Essentialisierung von Frauen lange eine Norm, das heißt die Festschreibung des anderen auf die Andersartigkeit. (vgl. Indra 1999: 8)

Des Weiteren steht die vordergründige Darstellung von männlichen Flüchtlingen in der Kritik. Während Männer als aktiv Gestaltende  dargestellt werden, werden Frauen zu passiven Anhängseln und Mitbetroffenen gemacht. Dies führt aber letzten Endes zu Verzerrungen bei Forschungsergebnissen. (vgl. Schöttes / Schuckar 1994: 11)

Dessen ungeachtet kann eine Trendwende in der Mitte der 1980er Jahren beobachtet werden. Vor allem Flüchtlings- und MenschenrechtsaktivIstinnen bemühten sich nun frauenspezifische Themen in das Scheinwerferlicht der Sozialwissenschaftlichen
Literatur zu stellen, da sie der passiven (Opfer-) Darstellung von Frauen etwas entgegen setzen wollten. Dadurch sollten WissenschaftlerInnen und eine breitere Öffentlichkeit auf die spezifischen Problemlagen von Frauen aufmerksam gemacht und für diese
sensibilisiert werden, indem auch von individuellen Fluchterlebnissen erzählt wird.
Interessanterweise kann festgehalten werden, dass die Mehrheit der AutorInnen, die sich mit diesen Themen beschäftigt, weiblich ist. (vgl. Schöttes / Schuckar 1993: 11)

Warum ist es also wesentlich, der Genderkategorie Bedeutung zuzumessen und sie in
Fluchtanalysen miteinzubeziehen? Um dies zu behandeln, sollte geklärt werden, was
der Begriff Gender überhaupt bedeutet.

Gender kann jedenfalls nicht mit „Frauen“ gleichgesetzt werden, sondern sollte vielmehr als eine Schlüsseldimension gesehen werden, die durch kulturelle Vorstellungen von „Weiblichkeit“ und „Männlichkeit“ geprägt ist und menschliches Denken und Handeln beeinflusst. (vgl. Indra 1999: 1-2)

Fundamental ist dabei die Unterscheidung zwischen dem biologischen Sex und dem sozialen Gender. Das soziale Gender organisiert und bestimmt den Alltag von Individuen. Es sollte nicht unerwähnt bleiben, dass Gender nicht etwas Statisches ist, sondern als ein dynamischer, veränderbarer Prozess angesehen werden sollte, der es ermöglicht Genderidentitäten und Beziehungen variabel und fluid anzusehen. Trotzdem sollte es nicht isoliert angesehen werden, da es mit anderen Bereichen des Lebens interagiert. Laut der Historikerin Joan Scott konstituieren Gender kulturell verfügbare Symbole, normative Konzepte, soziale, politische und andere Institutionen und Organisationen wie Verwandtschaft, Politik, aber auch subjektive Identitäten. Diese sind vom Menschen konstruiert, deswegen zeitlich und kulturell variabel. (vgl. Zuckerhut, 2016) Folglich strukturiert Gender Gesellschaften, aber wird auch durch sie wechselwirkend strukturiert. Dementsprechend verändert diese Kategorie auch Forschungsfragen.

Die Anthropologin Doreen Indra verlangt in ihrem Artikel „Engendering forced migration“, dass es einen neuen Forschungsansatz in den Refugee Studies braucht, um ein geeignetes Werkzeug zu haben, dem Genderphänomen begegnen zu können. Denn die meisten wissenschaftlichen Artikel behandeln, wie bereits erwähnt, „Frauenthemen“ allein im Zusammenhang mit konventionellen Themen und Problemen und nicht in einer gesamtheitlichen Betrachtung. Allerdings handelt es sich nicht bloß um einen Themenkomplex, sondern ist verwoben mit vielen anderen Themenbereichen. (vgl. Indra 1999:1)

Ein erster Schritt dazu wäre, vorangenommene und als naturgegebene Kategorien aufzubrechen, wie etwa Geschichte und Sprache. Denn auch diese sind Machtmittel, deswegen sollte gefragt werden: Wem obliegt die Macht Geschichte schreiben zu können und sie zu kommunizieren? Es darf nicht außer Acht gelassen werden, dass diese nicht neutral ist, sondern auch vom Menschen geschaffen. (vgl. Indra 1999: 9-16 ) (vgl. Mahler / Pessar 2006: 7)

Zusammenfassend kann also gesagt werden, dass Gender von der jeweiligen Zeit und dem jeweiligen Ort abhängig ist, und daher einen integrativen Ansatz, der sowohl historische als auch soziologische Ansätze verbindet, braucht. Zudem sollte Gender als Organisationseinheit des täglichen Lebens gesehen werden, weswegen wissenschaftliche Ansätze dies in alle Forschungsbereiche miteinbeziehen sollten. (vgl. Indra 1999: 6)

 

2.2 Geschlechtsspezifische Verfolgung

Verfolgung und Flucht sind keineswegs genderneutrale Phänomene. Nichtsdestotrotz werden oftmals die spezifischen Gründe, warum Frauen flüchten müssen, nicht anerkannt, um offiziell als Flüchtling zu gelten. Trotz der Tatsache, dass die Rückkehr in das Heimatland zur Verfolgung oder gar zum Tod führen kann, können Geflüchtete zurückgeschickt werden. Allgemein kann gesagt werden, dass Asylverfahren langwierig und psychisch schwer für die Betroffenen zu ertragen sind. (vgl. Goldberg 1995: 346)

Den Flüchtlingsstatus zu bekommen ist ein jahrelanger und schwieriger Prozess. Die erste Befragung nach der Ankunft im Zielland ist dabei entscheidend. Viele Frauen scheuen sich, vor fremden BeamtInnen über heikle Themen, wie beispielsweise sexuelle Übergriffe, zu sprechen. Oftmals wissen sie auch nicht, dass dies bei der ersten Befragung durch die Polizei wichtig wäre, als Fluchtgrund anzugeben und dies detailliert zu beschreiben. Nachträgliche Ergänzungen anzugeben ist in der derzeitigen Situation in Österreich schier unmöglich. Dies wäre jedoch von Nöten, weil berücksichtigt werden sollte, dass die Inhalte, die bei der ersten Befragung kommuniziert wurden, oft nur einen Teil der wahren Fluchtgründe widerspiegeln, die aufgrund von Scham und Angst verschwiegen werden.

Außerdem mangelt es bei BeamtInnen oft an einer Sensibilisierung und einem Bewusstsein dafür, welche Schicksale den Geflüchteten widerfuhren. Das Verlassen des Heimatortes ist oft mit traumatischen Ereignissen verbunden: Dem Zurücklassen von geliebten Menschen, Verlust von Bezugspersonen, sozialer Isolation oder schmerzhaften Erfahrungen wie Folter und Verfolgung. Hier können weitere Traumata entstehen, wenn unsensible Befragungen durch BeamtInnen Flüchtlinge einschüchtern. (vgl. Goldberg 1995: 346) (vgl. Aljazeera, August 2017)

Trotz der Tatsache, dass sowohl Fluchtursachen als auch die Flucht von Genderfragen determiniert ist, enthält die Definition eines Flüchtlings interessanterweise keinen Genderaspekt: Wenn eine Frau aufgrund ihres Geschlechts Diskriminierung erfährt, weil sie nicht den sozialen Normen entsprechen will und sie deswegen ihren Beruf nicht ausüben darf, ist es für sie schwieriger dies als Fluchtgrund zu argumentieren, als würde sie beispielsweise einer politischen Minderheit angehören.
In der Genfer Flüchtlingskonvention wird Verfolgung aufgrund von Gender unter „Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe“ subsummiert. Diese Haltung vertritt nicht nur die Genfer Flüchtlingskonvention allein: Fakt ist, keine internationale oder regionale Konvention inkludiert Gender als Fluchtkategorie. Als Verfolgungsgründe werden lediglich die nachstehenden offiziell anerkannt: eine Zugehörigkeit zu einer bestimmten Religion, Nationalität, Ethnizität oder die Opposition zu einem vorherrschenden politischen System. (vgl. Goldberg 1995: 347)

Erstaunlicherweise erkennt die Europäische Gemeinschaft erst 1984 als erste Organisation genderspezifische Verfolgungsgründe an, und erkennt diese als Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe an. Daraufhin schloss sich auch der UNHCR an und veröffentlichte in weiterer Folge 1991 Richtlinien, um weibliche Flüchtlinge auf der Flucht und in Flüchtlingscamps vor Übergriffen zu schützen. Diese Richtlinie unterstütze
die Forderung an Staaten, genderorientierte Fluchtgründe ernst zu nehmen und anzuerkennen. (vgl. Goldberg 1995: 348-349)

Kennzeichnend für eine geschlechtsspezifische Verfolgung ist, dass die Zugehörigkeit zu einem Geschlecht den Grund für die Flucht darstellt bzw. die Art und Weise der Verfolgung bestimmt. Laut Definition des UNHCR zählen sexuelle Gewalt,  Bildungsverbot, Ehrenmord, Zwangsabtreibung, Zwangsheirat, Zwangssterilisierung, Zwangsverstümmelung sowie Diskriminierung auf Basis des Geschlechts beziehungsweise der sexuellen Orientierung als geschlechtsspezifische Verfolgung. Nicht vergessen werden darf, dass häufig geschlechtsspezifische Verfolgung im privaten  Bereich stattfindet. (vgl. UNHCR, Mai 2017)

Nichtsdestotrotz ist Verfolgung nicht auf den privaten Bereich begrenzt – Frauen müssen häufig die Flucht antreten, weil sie selber politisch aktiv sind, weil sie zu einer bestimmten ethnischen oder religiösen Minderheit gehören, aufgrund von verwandtschaftlicher Beziehungen zu Oppositionellen oder aufgrund der Übertretung speziell für Frauen geltender Normen. All diese Schicksale können natürlich auch Männer treffen, jedoch unterscheiden sich die konkreten Erfahrungen, beispielsweise in der Häufigkeit von sexueller Gewalt gegen Frauen, die gezielt dazu verwendet wird, nicht nur körperlich, sondern auch seelisch zu verletzen. (vgl. ebenda)

Des Weiteren bilden Frauen auch die Mehrheit in den Flüchtlingslagern, die meist in grenznahen Zonen errichtet werden. Wie lautet nun die Erklärung dahinter? Häufig sind Frauen auf sich alleine gestellt und müssen daher die Flucht auch im Alleingang antreten. Dies hat folgende Gründe: Manche männliche Familienangehörige bleiben im Herkunftsland, um in den kriegerischen Auseinandersetzungen zu kämpfen. Wieder andere kamen bereits dabei um, sind in Gefängnissen, beispielsweise aufgrund von oppositioneller Arbeit eingesperrt, müssen sich verstecken oder befinden sich schon auf der Flucht in ein anderes Land, weil sie alleine über eine größere Mobilität verfügen.

Ein weiterer wesentlicher Aspekt hierbei ist, dass sich hier oft die sozialisierten Rollenverhältnisse verändern, da die Frau zum Familienoberhaupt wird, wenn der männliche Familienangehörige wegfällt. (vgl. Nikolic-Ristanovic 1999: 151-123) (vgl.
Goldberg 1995: 344-345)

„Sometimes my children ask: When will we be leaving this place? I keep telling them,
“You have to wait: We will leave this place in two months.” I don’t want to hurt their
feelings.”
(Hedil, What the Wind Took Away)

Nach wie vor ist es primär so, dass Frauen die Hauptverantwortlichen für die Versorgung ihrer Kinder sind. Oftmals bleiben sie mit den Kindern im Flüchtlingslager, da diese zumindest eine Verbesserung zu den Kriegsgebieten ist. Sie bieten Schutz vor Kälte und zumindest eine Grundversorgung. Dies ist ein weiterer wesentlicher Aspekt, der Frauen in ihrer Mobilität einschränkt. Männer sind mobiler und können weitere Distanzen zurücklegen, weil sie oftmals nicht die Hauptverantwortung für ihre Kinder tragen. (vgl. Aljazeera, August 2017)

Folglich kann festgehalten werden, dass die Mobilität von Frauen maßgeblich durch die vorherrschenden traditionellen Rollenvorstellungen geprägt und eingeschränkt wird. (vgl. Schöttes / Schuckar 1994: 10 – 11)

Pamela Goldberg schreibt in ihrem Artikel “Where in the world is there refuge for me? Women Fleeing Gender-Based Persecution”, dass Frauen, wenn sie alleine ohne männliche Familienangehörige unterwegs sind, in der Regel häufiger sexueller Belästigung, Vergewaltigungen, Körperverletzung, Raubüberfällen, und anderen Schikanen ausgesetzt sind. (vgl. Goldberg 1995: 346)
Zu TäterInnen können hier SchlepperInnen, anderen Flüchtlinge, PolizistInnen, SicherheitsbeamtInnen werden. Manche SchlepperInnen versuchen die Verzweiflung von geflüchteten Frauen auszunützen und bitten ihnen beispielsweise an, dass sie eine kürzere Wartezeit und geringere Kosten bei der Überfahrt haben, wenn sie mit ihnen Geschlechtsverkehr haben. (vgl. Aljazeera, August 2017)

Der Amnesty International Bericht vom Jänner 2016 hält fest: Europa schafft es nicht grundlegenden Schutz für Frauen zu schaffen. Alle interviewten Frauen äußerten hier häufig, dass sie sich während der gesamten Flucht und in den Flüchtlingslagern nicht sicher fühlten. Nachdem sie vor dem Grauen des Kriegesentflohen sind, erfahren sie trotzdem noch kein Sicherheitsgefühl, weil sie beispielsweise physische Gewalt erleben oder finanziell ausgenützt werden. Sie beschreiben vor allem ihre Furcht, in den Flüchtlingscamps vergewaltigt zu werden, da diese meist nicht geschlechtergetrennt sind. Manche greifen dann zu drastischen Mitteln und verweigern Nahrung zu sich zu nehmen oder zu trinken, um keinen Gebrauch von den sanitären Anlagen machen zu müssen, oder finden keinen Schlaf, da sie Angst vor möglichen Übergriffen haben. (vgl. Amnesty International, August 2017)

Sowohl Amnesty International als auch die UNHCR kritisieren die Europäische Union  stark dafür, keine sicheren Umstände für die Betroffenen schaffen zu können. Ein Lösungsansatz ist, eigene Quartiere für allein reisende beziehungsweise erziehende Frauen und ihre Kinder zu haben und BeamtInnen für geschlechtersensible Problematiken Vorort zu trainieren. (vgl. UNHCR, Juli 2017) (vgl. Amnesty International, August 2017)

 

3. Conclusio

“Sometimes I’m afraid that we’ll never leave these tents. But then I say, “No! Maybe we
will get out of here! Maybe our days will get better! They say that after a dark night there
is always a brighter day.”
(Hedil, What the Wind Took Away)

Der Film „What the Wind Took Away“, der auch im Rahmen der Ethnocineca 2017 gezeigt wurde und den Austrian Documentary Award 2017 gewonnen hat, gibt einen prägenden Einblick in das Leben der zwei jesidischen Protagonistinnen Hedil und Naam. Durch den Überfall des Islamischen Staates auf ihr Heimatdorf mussten sie in einer Nacht-und-Nebel-Aktion flüchten und landeten darauf in einem türkischen Flüchtlingslager. Die gesamte Filmlänge hinweg sprechen vorwiegend die beiden Frauen, es gibt keine Hintergrundkommentare – nur ihre Stimmen.
Meiner Meinung nach tragen Dokumentationen wie diese dazu bei, geflüchteten Frauen eine Stimme zu geben, sie aus dem Schatten hervorzutreten zu lassen, sie selbst erzählen zu lassen und ihre Welt mit eigenen Worten zu beschreiben.

Abschließend kann festgehalten werden, dass, obwohl es wesentliche Verbesserungen und Meilensteine in der Miteinbeziehung der Genderkategorie gibt, sie nichtsdestotrotz noch immer eher wie ein ungeliebtes Stiefkind in den Migrationsstudien behandelt wird.
Geschlechtsspezifische Verfolgungsgründen wird nach wie vor zu wenig Beachtung geschenkt.
Universale Kategorien und Zuschreibungen herrschen auch in der Gegenwart vor. Wahrscheinlich wäre ein generelles Umdenken von Nöten, um die klar erkennbare Wichtigkeit von Gender anzuerkennen.

Des Weiteren denke ich, dass im Allgemeinen das Sichtbarmachen von individuellen genderspezifischen Fluchtgründen (welche auch zum Beispiel die LGBTQI-Community betreffen) und die Sensibilisierung für diese Menschen eine Priorität, nicht nur in den Refugee Studies, sondern auch in der breiten Öffentlichkeit, darstellen sollte.

Zu guter Letzt ist zu kritisieren, dass sich vorwiegend Frauen unter den AutorInnen befinden, die sich mit genderspezifischen Themen befassen. Hier sollte eine Sensibilisierung auch innerhalb der männlichen Autorenszene stattfinden. Bewusstseinsbildung diesbezüglich könnte zum Beispiel in Form größerer Veranstaltungen/Symposien zu diesem Thema oder durch Kunst/Film gelingen, wie es auch teilweise schon gemacht wird.

 

 

4. Bibliographie

 

GOLDBERG, Pamela (1995). Where in the World is There Safety for Me? Women Fleeing Gender-Based Persecution. In: Peters, Julie and Wolper, Andrea (eds.). Women’s Rights Human Rights. International Feminist Perspectives. Routledge. New York, London: 345-356

INDRA, Doreen (1999). Not a “Room of One’s Own”: Engendering Forced: Migration Knowledge and Practice. In: Doreen, Indra (ed.). Engendering Forced Migration. Theory and Practice. Berghan Books. New York, Oxford:1-23.

MAHLER, Sarah J.; PESSAR, Patricia R. Gender matters: Ethnographers bring gender from the periphery toward the core of migration studies. International migration review, 2006, 40. Jg., Nr. 1, S. 27-63.

NIKOLIĆ-RISTANOVIĆ, Vesna (1999). Women, Violence and War. Wartime Victimization of Refugees in the Balkans. CEU Press. Budapest. (Kapitel 2, 21-34, Kapitel 9, 151-170)

SCHÖTTES, Martina und SCHUCKAR, Monika (Hg., 1994). Frauen auf der Flucht. Leben unter politischen Gewaltverhältnissen. Chile, Eritrea, Iran, Libanon, Sri Lanka. Edition Parabolis. Berlin. (Kapitel 1: Politische Verfolgung von Frauen, 9-43)

ZUCKERHUT, Patricia. 2016. Einführung in die Anthropologie der Genderforschung: Vorlesung am 11.04.2016. Wien.

 

Internetquellen:

Aljazeera
http://www.aljazeera.com/indepth/features/2016/02/life-female-refugee-don-trust-160210092005932.html (14.8.2017, 15:12).

Amnesty International
https://www.amnesty.org/en/latest/news/2016/01/female-refugees-face-physical-assault-
exploitation-and-sexual-harassment-on-their-journey-through-europe/ (22.8.2017,
22:03).

UNHCR
http://www.unhcr.org/ (31.7.2017, 18:00).

What the Wind Took Away 2017,
https://www.youtube.com/watch?v=MK8bfTz0U7g (31.5.2017, 20:14).

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